Infobesuch der "Klinik am Hainberg" in Bad Hersfeld am 20.11.2004

Am 20.11.2004 fuhren wir mit dem Bus zu einem Infobesuch in die psychosomatische  Klinik am Hainberg in Bad Hersfeld. Empfangen wurden wir von Frau Dr. Zittlau (Fachärztin für innere Medizin und Psychotherapie) und Frau Esposito (Abteilung Physiotherapie).
Nach einem Rundgang durch die Klinik referierte Frau Dr. Kathrin Zittlau über Psychosomatische Aspekte bei Morbus Crohn und Colitis ulcerosa.

Eine Kurzfassung des Referats:
"Morbus Crohn und Colitis ulcerosa sind chronisch entzündliche Darmerkrankungen, die im Magen-Darm-Trakt auftreten. Spielen dabei psychische Faktoren überhaupt eine Rolle?
Früher glaubten viele Ärzte und Wissenschaftler, dass die wesentliche Ursache chronisch entzündlicher Darmerkrankungen psychischer Natur sei. Man sah bestimmte psychische Probleme als Hauptursache an. Mittlerweile ist diese Ansicht widerlegt; trotzdem trifft man sie im Alltag oft noch an.
Eine Erkrankung, auch wenn sie organischer Natur ist, beschäftigt den betroffenen Menschen aber immer auch psychisch, vor allem wenn sie chronisch ist und man nicht weiß, wie sie sich entwickeln wird. Ist der Körper in seinen Funktionen zeitweise eingeschränkt, beeinflusst das alle Bereiche des Denkens, Fühlens und Handelns des Betroffenen. So hat jede körperliche Erkrankung also auch eine psychische Seite.
Aufgrund der vielfältigen Ergebnisse moderner Forschung wird heute die Ursache des Morbus Crohn und der Colitis ulcerosa in der Wechselwirkung von vererbten Merkmalen, Funktionen des körpereigenen Abwehrsystems und Umweltfaktoren gesehen.
Obwohl man nicht mehr von einer psychischen Erkrankung ausgeht, weiß man, dass vielfältige Wechselbeziehungen zwischen psychischen und biologischen Faktoren bestehen. So können psychische Faktoren wie zum Beispiel Dauerstress am Arbeitsplatz den Körper beeinflussen, umgekehrt können sich auch körperliche Vorgänge, wie z. B. im Magen-Darmtrakt, auf Gedanken, Gefühle und Handeln auswirken. Die Erklärung dafür ist, dass Gehirn und Magen-Darm-Trakt über Nervenleitungen eng verbunden sind und zwischen beiden Systemen ein ständiger Informationsaustausch stattfindet. So gelangen Informationen über Vorgänge im Darm, wie eine erhöhte Dickdarmbewegung, zum Gehirn. Dies registriert die Veränderungen, macht sie wahrnehmbar, spürbar. Hier erhalten die körperlichen Veränderungen ihre Bedeutung. In Abhängigkeit von der Bedeutung als "bedrohlich" oder "harmlos" kann das Gehirn über Nervenbahnen wiederum Funktionen des Darms aktivieren oder Hemmen, wie beispielsweise die Durchblutung der Darmwand. In gleicher Weise können äußere Ereignisse über ihre Verarbeitung im Gehirn den Magen-Darmtrakt beeinflussen. So kann man erklären, warum viele Menschen vor wichtigen Prüfungen noch einmal dringend auf die Toilette müssen.
Bindeglied zwischen Psyche und Körper sind, wie mittlerweile durch Studien belegt werden konnte, das vegetative Nervensystem und bestimmte hormonelle Botenstoffe (Adrenalin, Kortisol und andere).
Heute scheint sicher, dass die Psyche auch bei chronisch-entzündlichen Darmerkrankungen über diese Verbindungen vor allem Einfluss auf die Beschwerden und auf das Krankheitserleben nehmen kann. Dadurch wird auch erklärbar, warum Betroffene mit vergleichbarer Krankheitsschwere unter der Erkrankung und Beschwerden unterschiedlich stark leiden.

psychische Einflussfaktoren bei CED sind:

Alltagsstress
Kritische Lebensereignisse
Krankheitsakzeptanz
>die Unvorhersagbarkeit des chronischen Krankheitsverlaufes und des Auftretens von Organmanifestationen,
>das Risiko von Operation(en),

- Krankheitsverarbeitung
>der einsetzende Verlust von Leistungsfähigkeit,
>die Angst vor Kontrollverlust des Stuhlgangs,
>die "Zeitbombe" Karzinomrisiko,
>die Abhängigkeit von Medikamenten,
>die Gefahr von Medikamentennebenwirkungen (auch psychisch - Kortisol),
>die Sorge, anderen zur Last zu fallen.

- psychische Erkrankungen unabhängig von der Darmerkrankung

Indikation zur Psychotherapie:
Die Diagnosen Morbus Crohn oder Colitis ulcerosa stellen für sich genommen keinen Anlass für eine Psychotherapie dar. Eine Psychotherapie kann nicht die medizinische Therapie der chronisch-entzündlichen Darmerkrankung ersetzen! Sinnvoll kann eine Psychotherapie dann sein, wenn der Betroffene das Gefühl hat, durch die Erkrankung überfordert zu sein, sie nicht mehr bewältigen zu können und sich Angst, Depression oder soziale Probleme (in der Partnerschaft, am Arbeitsplatz) einstellen. Psychotherapeutische Unterstützung kann auch dann angezeigt sein, wenn Sie erleben, dass kritische Lebensereignisse oder die Belastungen des Alltags ihre Beschwerden verstärken. In welchem Rahmen psychotherapeutische Angebote nützlich sein können, kann nur im persönlichen Gesprächskontakt geklärt werden.
Ziel der Behandlungsmaßnahmen in unserer Abteilung ist somit eine Stabilisierung auf der Symptomebene - eine autoimmunologische Erkrankung mit chronischem Verlauf kann nicht rückgängig gemacht werden - eine wesentliche Erkenntnis für die Betroffenen ist daher das Leben mit der Erkrankung anstelle gegen die Erkrankung.
Wir arbeiten nach einem ganzheitlichen Therapiekonzept, bestehend aus mehreren variabel zusammensetzbaren, synergisch wirkenden Therapiebestandteilen, was möglich macht, sich sehr individuell auf das jeweils vorhandene Störungsbild der Patienten einzustellen.

Zur Verbesserung des Umganges mit der Erkrankung stehen
· Diätformen
· ausführliche ärztliche Information
· Betreuung und Beratung
· das Meiden von Überforderung
· das Erlernen und sinnvolle Einsetzen von Entspannungsverfahren
· Ratschläge und Techniken zur besseren Stressbewältigung
· der Erfahrungsaustausch mit anderen ebenfalls an einer CED Erkrankten
· das Wiederwahrnehmen von positivem Körpererleben oder aber das Wiederanknüpfen an in den Hintergrund getretene kreative Ressourcen und innere Kräfte in spezifischen kreativtherapeutischen Gruppen · und spezifische psychotherapeutische Methoden zur Verfügung."
Ende des Referats

Nach ausführlicher Aussprache zu den umfangreichen Informationen hatten wir abschließend in zwei Gruppen Gelegenheit zur Teilnahme an Entspannungsverfahren mit Frau Esposito und zu einer "Phantasiereise"
mit Frau Dr. Zittlau.

Karl Loritz